Magazin Prävention Aktuell 

Fachartikel: Der Blick in die Zukunft

Holger Toth

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Heute schon an morgen denken. Das ist die Aufgabe des Risikoobservatoriums. Dessen praxisnahe, wissenschaftliche Erkenntnisse sollen Unternehmen dabei helfen, sich auf zukünftige Entwicklungen in der Arbeitswelt und im Arbeitsschutz einzustellen.

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Meetings mit Hologramm-Avataren, Künstliche Intelligenz (KI) in allen Steuerungsprozessen und Roboter für sämtliche gesundheitsgefährdende Tätigkeiten – das klingt nach Sci­ence-Fic­tion. Und ist es auch. Wie die ­Arbeitswelt in ferner Zukunft aussehen wird, kann Dr. Dietmar Reinert nicht voraussagen. Aber eine ­Prognose für die nächsten fünf Jahre, die traut sich der Direktor des Instituts für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) zu. Denn zum IFA gehört auch das Risikoobservatorium. Mit dessen Hilfe werden Trends und Entwicklungen der Arbeitswelt von morgen aufgespürt. Keine Fiction, sondern Science.

„Die Zukunft wird digitaler, dezentraler und dekarbonisierter“, fasst Reinert die aktuellen Erkenntnisse zusammen. Das werde die Arbeitswelt in allen Bereichen – von der Verwaltung bis zur Produktion – verändern. „Dem müssen wir uns stellen. Und nicht erst, wenn es fünf vor zwölf ist. Je früher wir das tun, umso eher wird es uns gelingen. Je mehr wir die Probleme in die Zukunft schieben, umso schwieriger wird es werden.“ Der promovierte Physiker verweist auf das Beispiel Digitalisierung, bei dem Deutschland über Jahre hinweg viel versäumt habe und deshalb abgehängt worden sei: „Wir sollten es bei Themen wie der Dekarbonisierung besser machen.“

„Der Arbeitsschutz kommt oft zu spät“

Mit der Zukunft beschäftigt sich Reinert, seit er 1988 zum IFA gekommen ist. Zu der Zeit sollte der Informatiker, der das Fach noch heute als Honorarprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg unterrichtet, die Frage beantworten: Lassen sich mit Computern Maschinen sicher steuern? „Das war damals fraglich, aber viele Firmen haben das schon gemacht“, so Reinert, der somit vor 35 ­Jahren feststellen musste: „Der Arbeitsschutz kommt oft zu spät.“ Also half er bei der Entwicklung von Prüfverfahren mit, die komplexe Rechnersysteme von der Idee bis zum fertigen Produkt begleiteten. Zusammen mit den Unternehmen wollte man frühzeitig herausfinden, worauf zu achten sei. Gleiches gilt nun für das Risikoobservatorium: „Wir können Themen, die bisher noch nicht offensichtlich waren, in den Vordergrund rücken. Es geht dabei aber eben nicht nur um die Risiken, sondern auch um die Chancen“, betont Reinert.

Je früher wir das tun, umso eher wird es uns gelingen. Je mehr wir die Probleme in die Zukunft schieben, umso schwieriger wird es werden.

Für die drei genannten D (digital, ­dezentral, dekarbonisiert) lässt sich das exemplarisch veranschaulichen:

1. Digital:

Schon während der Corona-Pandemie zeigten sich die Stärken der Digitalisierung, die das Arbeiten aus dem Homeoffice erst ermöglichte. „Jetzt kommen 5G- und bald 6G-Netze“, sagt Reinert. „6G ist in Vorbereitung, da bauen wir einen Versuchspark, um zu testen, ob und wie es Menschen und Geräte beeinträchtigen kann.“ Durch schnelle Netze sollen neue digitale Chancen – das Internet der Dinge – künftig ermöglicht oder erweitert werden. Beispiel Schutzkleidung: Ein integrierter Prozessor, der mit dem Internet verbunden ist, erkennt, wie warm es darunter ist und wie stark der Träger schwitzt. Das gibt es zum Teil heute schon. Und künftig? „Brechen Feuerwehrleute wegen Erschöpfung zusammen, wenn sie den Einsatz nicht beenden? So etwas wird in Zukunft schnell digital sichtbar gemacht werden können“, sagt Reinert. Eine Einschränkung: Die Beschäftigten müssten dem aus datenschutzrechtlichen Gründen zustimmen. „Dann kann es eine Chance bieten, Belastungen und Gefährdungen zu erkennen.“

2. Dezentral:

Das Homeoffice hat die Möglichkeiten schon angedeutet. Künftig dürften häufiger sogar Menschen in verschiedenen Ländern in einem Team zusammenarbeiten. Oder das Stichwort Industrie 4.0. „Theoretisch können wir in zehn Jahren eine ganze Fabrik vom Wohnzimmer aus steuern oder zumindest überwachen“, sagt Dr. Dietmar Reinert. Dank Künstlicher Intelligenz könne man ­erkennen, ­welche Maschine oder Anlage an welcher Stelle Probleme hat, und eine vorbeugende Wartung durchführen. Das trage dazu bei, die Zahl der Störfälle im Betrieb und die Zahl der Arbeitsunfälle zu reduzieren. Denn, so erklärt Reinert: „Unfallschwerpunkte haben wir in der Instandhaltung und Wartung von Maschinen, wenn etwas ausfällt. Dann wird es manchmal hektisch, wenn schnell gehandelt werden soll, damit dem Unternehmen nicht zu viel Geld verloren geht.“

3. Dekarbonisiert:

Der Kampf gegen die Klimakrise hat viele Berührungspunkte mit dem Arbeitsschutz (siehe ­PRÄVENTION AKTUELL 4/2023). Klimaneutralität soll etwa durch mehr Nachhaltigkeit (Minimalismus, Reparatur von defekten Produkten), Energieeffizienz (Ausbau erneuerbarer Energien), ­Recycling und Kreislaufwirtschaft sowie den Einsatz alternativer Kraftstoffe erreicht werden. „Wenn wir dekarbonisieren wollen, brauchen wir mehr regenerative Energien“, veranschaulicht Reinert. „Wenn zum Beispiel vermehrt auf grünen Wasserstoff gesetzt werden soll, muss er produziert, transportiert und gespeichert werden. Das alles betrifft auch die Arbeitnehmer.“ Die müssen geschult werden, denn oft ändert sich ihr Tätigkeitsbereich. Einfaches Beispiel: Während Kfz-Mechaniker früher mit Batterien von 12 oder 24 Volt zu tun hatten, sind es in E-Autos nun plötzlich 800 Volt. „Wenn man jetzt mit großen Spannungen arbeitet, treten neue Gefährdungen auf, während Gefährdungen wie der Umgang mit Kraftstoffen in Zukunft eine geringere Rolle spielen.“

Fachkräftemangel als Dauerbrenner-Thema

Zwei Konstanten haben sich seit dem Start des Risikoobservatoriums im Jahr 2011 herauskristallisiert, verrät Reinert: „Der Fachkräftemangel und die Demografie sind die Themen, die über alle Branchen hinweg unter den Nägeln brennen.“ Mit Folgen für die Arbeitssicherheit. Zu wenige Arbeits- und Fachkräfte führen zu einer Arbeitsverdichtung, die wiederum das Risiko von Arbeitsunfällen und Erkrankungen steigen lässt.

Positive Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit ergeben sich durch die Veränderungen aber auch. „Wenn wir dezentraler werden und nicht mehr so häufig zur Arbeit fahren, werden wir weniger Wegeunfälle haben“, erklärt der IFA-Direktor. Kollaborierende Roboter und Exoskelette reduzieren die physischen Belastungen für die Beschäftigten und die Gefahr von Muskel-Skelett-Erkrankungen. Wird die persönliche Schutzausrüstung (PSA) smarter, also mit dem Internet der Dinge verknüpft, signalisiert sie dem Träger, dass er lieber eine Pause einlegen sollte, um seine Gesundheit nicht zu gefährden.

Der Wandel der Arbeitswelt mit seinen Risiken und Chancen macht vor keiner Branche Halt. Die Veränderungen sind aber unterschiedlicher Natur. Handwerker können nicht digital im Homeoffice arbeiten, sie sind aber von der Dekarbonisierung betroffen (Stichwort Wärmepumpen). Neue Transportmittel wie Drohnen haben Einfluss auf die Logistikbranche, nicht aber auf Stadtverwaltungen. KI wirkt sich stark auf die Industrie aus, weniger auf Pflegeberufe.

KI muss vertrauenswürdig sein

Insgesamt ist KI aber keine Theorie mehr und auch keine Spielerei. Künstliche Intelligenz ist schon im Arbeitsschutz angekommen. Beispielsweise hat das IFA eine Kreissäge zugelassen, die mit einem Kamerasystem gefährliche Situationen erkennt. Gerät eine Hand zu nah vor das Sägeblatt, versenkt es sich innerhalb einer Viertelsekunde in der Maschine.

„Wir brauchen eine vertrauenswürdige KI, das treiben wir voran“, betont Reinert. Das bedeute auch, dass maschinelles Lernen nicht automatisch in Schutzmaßnahmen umgesetzt werden dürfe. Vorher müsse ein Mensch den Erfolg des Lernens kon­trollieren, wie die Schutzmaßnahme also in Ausnahmefällen, Randbereichen und kritischen Systemen funktioniere.

Im Data-Mining steckt eine weitere Chance für den Arbeitsschutz. „Damit kann man zum Beispiel Unfallschwerpunkte erkennen“, erläutert Reinert. Die Aufsichtspersonen der Unfallversicherungsträger führen jährlich fast eine halbe Million Betriebsbesichtigungen durch. „Durch eine KI könnte man die Schwerpunkte auswerten und entscheiden lassen, wo sie häufiger hingehen müssen oder auch seltener.“

Öffentliche Bedenken gegenüber KI kann Reinert nachvollziehen: „Natürlich kann KI sehr systematisch über soziale Medien die öffentliche Meinung beeinflussen und vielleicht sogar die Demokratie ins Wanken bringen. Da sehe ich KI sehr kritisch. Das ist ein Problem. Deswegen benötigen wir eine vertrauenswürdige KI.“ Für den IFA-Direktor ist KI für den Arbeitsschutz keine Bedrohung, sondern ein Werkzeug, das man – wie alle neuen Technologien – behutsam und im positiven Sinne einsetzen sollte. „Dafür haben wir Menschen eingestellt, die sich sehr gut damit auskennen“, versichert Reinert. „Wir hoffen, dass wir eine positive Entwicklung anstoßen. KI wird auf jeden Fall in vielen Branchen eine Rolle spielen.“

Einige Trends betreffen nahezu die gesamte Arbeitswelt. 33 von 42 Branchen, die vom Risiko­observatorium untersucht wurden, haben den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel als wichtige Zukunftsthemen identifiziert. Das geht aus den Ergebnissen der zweiten Befragungsrunde hervor, die 2021 unter dem Titel „Arbeitswelten. Menschenwelten.­Prioritäten für den Arbeitsschutz von morgen“ veröffentlicht wurden. www.dguv.de, Webcode: p021999

Gesunde Arbeitsplätze helfen auch den Unternehmen

Dietmar Reinert ist es ein Anliegen, dass Unternehmen den Arbeitsschutz stärker in den Fokus rücken. „Insbesondere in einer Welt, in der Arbeitnehmer sich den Arbeitsplatz aussuchen können, weil es nicht mehr so viele gibt, ist der Arbeitsschutz noch wichtiger als in einer Welt, wo es einen Mangel an Stellen gibt“, führt der Physiker aus. Das würde den Unternehmen auch im Kampf gegen den Fachkräftemangel helfen: „Wenn die Situation am Arbeitsplatz besser – also sauberer und weniger belastend – wäre, würden sich auch mehr Menschen dort bewerben.“

Gesündere Arbeitsplätze, so das Fazit, kommen also Unternehmen wie den dort beschäftigten Menschen gleichermaßen zugute. Mit dem IFA und dem Risikoobservatorium will Reinert dazu beitragen, dass die Unternehmen die Themen der Zukunft schon heute erkennen und sich darauf einrichten können.

Der Fachartikel ist im Magazin Prävention Aktuell Ausgabe 05-2023 erschienen.

Wenn die Situation am Arbeitsplatz besser – also sauberer und weniger belastend – wäre, würden sich auch mehr Menschen dort bewerben.

Artikel veröffenticht

16.11.2023 - 16:53 Uhr

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