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BGN Magazin Akzente

Reportage: „Wir lassen niemanden im Stich“

Gabriele Albert

Autorin

Christian Bäck

Fotos

Reha-Managerinnen und -Manager der BGN helfen schwer verletzten Versicherten nach einem Arbeitsunfall oder bei einer Berufskrankheit, wieder gesund und arbeitsfähig zu werden. Was dabei alles zu ihren Aufgaben gehört, wie abwechslungsreich, aber auch wie fordernd dieser Beruf ist, zeigt Akzente am Beispiel von Alexandra Zapp und dem Versicherten Bruno Pollini.

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Umfassendes Fachwissen, eine ausgeprägte soziale Kompetenz, hohe psychische Belastbarkeit und Resilienz, Flexibilität und eine gute Selbstorganisation: Was sich liest wie die Skillsliste für eine hoch dotierte Führungsposition, sind genau die Kompetenzen, die eine Reha-Managerin wie Alexandra Zapp braucht. Für die BGN steuert und überwacht sie unter anderem den gesamten Heilverfahrensprozess von verletzten Versicherten und arbeitet dabei eng mit Ärztinnen, Reha-Medizinern, Psychologinnen, unterschiedlichsten Therapeuten, Sozialdiensten der Kliniken, Dolmetschern, gesetzlichen Betreuern und Bevollmächtigen, Mitarbeitenden in Sanitätshäusern, Kranken- und Pflegekassen, den Verantwortlichen in den Betrieben und vielen anderen zusammen. „Ja, man muss schon gerne kommunizieren und sollte Spaß am Organisieren haben, sonst wird das nichts“, erklärt Alexandra Zapp lächelnd. „Mindestens ebenso wichtig sind neben einem fundierten Fachwissen aber auch ein starkes Durchsetzungsvermögen, die Fähigkeit, mit anderen Kulturkreisen umzugehen, sich aber auch abgrenzen zu können. Man darf nicht immer mitleiden.“ Was sicherlich nicht einfach ist, schließlich bekommt sie auch Fälle mit besonders schweren Verletzungen zu Gesicht. Die reichen von Poly- und Schädelhirntraumen über Rückenmark- und Brandverletzungen bis hin zu Amputationen und Versicherungsfällen mit psychischen Traumafolgen. „Selbstverständlich berühren mich solche Schicksale, aber ich versuche immer, professionell und mit dem nötigen Abstand das Bestmögliche für die verletzte Person zu erreichen. Mein Ehrgeiz und der meiner Kolleginnen und Kollegen: möglichst alle Versicherten wieder in einen strukturierten Alltag sowie in Brot und Arbeit zu bringen.“

Ergebnis gleicht einem Wunder

Heute trifft sich Alexandra Zapp zum wiederholten Mal mit Bruno Pollini (Name von der Redaktion geändert) zu einer sogenannten „Heilverfahrenskontrolle“ in der Berufsgenossenschaftlichen Klinik in Murnau (BG-Klinik). Mit dabei sind dessen Dolmetscherin und der behandelnde Reha-Mediziner Dr. Michael Zapp, mit dem die Reha-Managerin im Privatleben verheiratet ist. Bruno Pollini ist 61 Jahre alt und arbeitete zum Unfallzeitpunkt als Hausmeister und Maler in einem gastronomischen Betrieb. Bei der Demontage eines alten Speisenaufzugs fiel das Gegengewicht im Aufzugsschacht nach unten und verletzte seine rechte Hand schwer. „Herr Pollini erlitt eine schwerste Quetschverletzung mit offenen Frakturen und multiplen Abrissverletzungen, also eine subtotale Amputation“, erklärt Alexandra Zapp. Ein Team aus Handchirurgen in der BG-Klinik schaffte es in mehreren Operationen, die Hand samt Nerven wieder so zu rekonstruieren, dass das Ergebnis einem Wunder gleicht. Der Unfall ist nun ungefähr ein Jahr her und Bruno Pollini hat im Laufe des Heilverfahrens mehrere intensive und für ihn sehr anstrengende stationäre und ambulante Rehabilitationsmaßnahmen durchlaufen – alle geplant vom RehaManagement der BGN. Der Lohn seines eigenen sowie des ärztlichen und therapeutischen Engagements: Er kann seine Hand und die Finger wieder bewegen und selbst kleinere und filigrane Gegenstände greifen – natürlich mit Einschränkungen und unter nachvollziehbaren Beschwerden. Wie groß seine Defizite aktuell noch genau sind, wo er nun im Heilverfahrensprozess steht, wie man ihn weiter unterstützen kann und welche Zukunftsperspektiven er hat, das alles soll die heutige Untersuchung klären.

Ich kann sehr viel Positives und gutes für unsere Versicherten, aber auch für Die Arbeitgeber bewirken.

Untersuchung klärt Status quo

Das Ehepaar Zapp ist nicht nur privat, sondern auch beruflich ein eingespieltes Team, jeder weiß um seine Aufgaben und Zuständigkeiten. Der Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie, Dr. Michael Zapp, beginnt das Gespräch, fragt nach dem Befinden Pollinis und fordert den Versicherten auf, seinen Kompressionshandschuh an der rechten Hand auszuziehen, den er wegen starker Schwellungen ununterbrochen tragen muss. Das gelingt nur mit einiger Mühe, die Hand sieht gemessen an der Schwere des Unfalls allerdings erstaunlich gut aus. Jetzt führt der Arzt im Rahmen einer eingehenden Untersuchung einige Tests durch: Wie beweglich ist die noch immer stark geschwollene Hand beziehungsweise die einzelnen Finger? Kann der Versicherte nach einem Gegenstand greifen? Welche Kraft kann er dabei aufwenden? Wie steht es um seinen Tastsinn und seine Sensibilität?

Das Ergebnis: Leider ist seit der Entlassung aus der letzten stationären Rehabilitation in der BG-Klinik im November 2022 eine Verschlechterung eingetreten. „Herr Pollini, wenn Sie regelmäßiger an Ihren ambulanten Therapien teilgenommen hätten und mehr zu Hause üben würden, wäre Ihre Hand insgesamt beweglicher und auch nicht mehr so geschwollen“, erklärt Dr. Michael Zapp mit Nachdruck. Für ihn und seine Frau steht am Ende der circa halbstündigen Untersuchung fest: Der Versicherte benötigt auch weiterhin intensive ambulante Reha-Maßnahmen wie Ergo- und Physiotherapie. Beide weisen ihn eindringlich darauf hin, zukünftig die Therapietermine gewissenhaft wahrzunehmen, mehrmals täglich zu Hause Übungen zu machen und die Hand im Alltag einzusetzen. „Wir lassen Sie nicht im Stich, Herr Pollini, aber Sie müssen auch mitmachen und Ihren Teil dazu beitragen, wieder ohne Hilfe in Ihrem Alltag zurechtzukommen“, so die Reha-Managerin. „Sie wollen doch wieder arbeiten.“

Ziel: Rückkehr an den Arbeitsplatz

Der Versicherte reibt und knetet derweil immer wieder seine rechte verletzte Hand und scheint insgesamt wenig optimistisch auf sein weiteres Leben zu blicken. Er wünscht sich zwar, wieder im alten Betrieb arbeiten zu können, weiß aber nicht, ob das realistisch ist. Längstens bis zum Ablauf der 78. Woche bekommt er noch Verletztengeld von der BGN. Wie es danach weitergeht, ist für ihn ungewiss. Ein handchirurgisches Gutachten wird die Grundlage für die genaue Höhe der zu erwartenden Verletztenrente darstellen. „Diese wird in seinem Fall jedoch nicht ausreichen, um den gesamten Lebensunterhalt bestreiten zu können, und auch deshalb ist es mein Ziel, wieder eine Tätigkeit für ihn zu finden“, betont Alexandra Zapp. „Dazu muss ich nun zeitnah ein Gespräch mit seinem Arbeitgeber führen und prüfen, ob es dort die Möglichkeit einer beruflichen Wiedereingliederung gibt.“

(…)

Die Kosten für das Heilverfahren von Bruno Pollini belaufen sich bislang auf circa 100.000 Euro.

Universum

Die Reportage ist erschienen in: Akzente – Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN); Ausgabe 2/2023.